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C.Weinberger

17. Karnivoren und ihre Vermehrung

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C.Weinberger

Generative Vermehrung oder "meine Pflanze blüht - was soll ich tun?"

Generell unterscheidet man bei den Karnivoren, wie bei allen Pflanzen, zwischen der Generativen und der Vegetativen Vermehrung. Unter der generativen Vermehrung versteht man die sexuelle Fortpflanzen bei Pflanzen, also über Samen, während es sich bei der vegetativen Vermehrung um eine Art natürliches Klonen handelt.

Generative Vermehrung oder "meine Pflanze blüht - was soll ich tun?"

Die generative Vermehrung funktioniert bei allen Karnivoren, sofern es sich um reine Arten handelt; mit Ausnahme der Hybriden von Sarracenia, Nepenthes und einiger mittelamerikanischer Pinguicula sind die Hybriden der Karnivoren steril, d.h. bilden keine Samen aus. Hybriden können daher meist nur vegetativ vermehrt werden.

Was also tun, wenn meine Pflanze blüht? Zunächst einmal: freuen Sie sich! Offensichtlich geht es der Pflanze bei Ihnen gut.

Die Vorgehensweise ist einfach - einfach mal Bienchen spielen: Sobald die Pflanzen blühen werden sie mittels eines Pinsels oder Zahnstochers bestäubt (bebilderte Anleitung für Sarracenien), man lässt den Samen ausreifen und sät ihn aus. Die teilweise notwendigen Vorbehandlungen des Saatguts entnimmt man bitte den allgemeinen Kulturhinweisen auf den GfP-Seiten oder der Literatur. Zu beachten ist, das man bei den meisten Arten 2 genetisch verschiedene Pflanzen benötigt; Ausnahmen sind die meisten Drosera, Cephalotus, Darlingtonia die Drosophyllum und eingeschränkt die Venusfliegenfalle. Es sollen auch einige der mittelamerikanischen Pinguicula selbstbetäubend sein. Nach dem Wissen des Verfassers existiert keine Auflistung der selbstbestäubenden Drosera, so das man wohl oder übel ausprobieren muss.

Nepenthes sind noch komplizierter, denn bei ihnen gibt es männliche und weibliche Pflanzen. Wenn also eine weibliche Nepenthes blüht, müssen Sie den Blütenstaub von einer männlichen Pflanze besorgen. Pollen wird oft im Internet zum Bestellen angeboten oder fragen Sie einmal in unserem Newsletter oder Rundbrief nach.

Samen sollte man am Besten einfangen. Besonders bei Pflanzen wie Drosera capensis und Co will man nicht unbedingt, dass sich die Pflanze (im daneben stehenden Zwergdrosera-Terrarium) selbst aussäht... Hier hilft eine Plastiktüte oder Papiertüte, die man über den Blütenstängel nach erfolgter Befruchtung als "Verhüterli" drüberstülpt. Man wartet dann, bis der Blütenstängel abgetrocknet ist und schneidet ihn ab. Nun kann man gefahrlos die Samen herausschütteln bzw. herauslösen.

Die Vermehrung über Saat hat einige Vorteile: man erhält eine große Anzahl genetisch verschiedener Individuen, die Zucht von Hybriden und auf bestimmte Merkmale der Pflanzen ist nur so möglich. Nachteile sind, das manche Arten nur schwer zum Keimen zu bringen sind (Cephalotus, Byblis gigantea, Roridula), die Sämlinge der meisten Arten zumindest in der ersten Zeit wesentlich empfindlicher gegen Kulturfehler und Krankheiten sind und es mitunter Jahre dauert, bis die Pflanzen aus dem Sämlingsalter heraus sind. Im Allgemeinen rechnet man bei den Drosera 8 Monate, bei Dionaea 2 Jahre, bei Sarracenia 3-4 Jahre, bei Nepenthes 5-10 Jahre, bis die Pflanzen blühfähig sind. Darüber hinaus sollten Sie bedenken, dass die Produktion von Samen die Pflanzen anstrengt und deutlich schwächt, was bei gesunden Pflanzen jedoch kein Problem darstellt.

Weitere Arten und Informationen siehe Fach-Literatur.

Vegetative Vermehrung - Blattstecklinge und Co

Bei der ungeschlechtlichen Vermehrung handelt es sich wie schon gesagt um eine Art natürliche Klonierung; man erhält aus Teilen einer Pflanze weitere, genetisch absolut identische Exemplare. Im Gegensatz zur generativen Vermehrung ist es hierbei uninteressant, ob es sich um reine Arten oder Hybriden handelt. Allerdings kann man nicht jede Art mit dem gleichen Verfahren vermehren; mehr dazu weiter unten. Die Vorteile der vegetativen Vermehrung liegen auf der Hand: Man kann in kurzer Zeit große Mengen an Individuen mit bestimmten identischen Eigenschaften erzeugen; es ist nur 1 Exemplar erforderlich und die vegetativ vermehrten Pflanzen wachsen üblicherweise schneller heran als Sämlinge. Nachteile sind die fehlenden genetische Durchmischung, die im Hobbybereich jedoch kaum eine Rolle spielt und die Tatsache das bei den meisten Verfahren zur vegetativen Vermehrung die Pflanzen verletzt werden müssen. Weitere Nachteile findet man in jeden Bioschulbuch der Sek-Stufe II.

Folgende Verfahren stehen bei der vegetativen Vermehrung zur Verfügung:

Blattstecklinge

Bei fast allen weichlaubigen Karnivoren möglich, mit Ausnahme der Zwerg- und Knollendrosera, bei denen dieses Verfahren nicht oder nur bei sehr wenigen Arten funktioniert. Dazu wird ein Blatt der entsprechenden Art möglichst nahe an der Ursprungsstelle abgebrochen oder abgeschnitten und in feuchten Sand oder Torf (bei einigen Arten eigenen sich auch Sphagnum, zum Beispiel bei Cephalotus) gesteckt. Bei sehr hoher Luftfeuchte und einem hellen, warmen Standort ohne direkte Sonne wachsen bei vielen Arten nach wenigen Wochen entweder an der Bruchstelle (Cephalotus, Dionaea, Pinguicula, Utricularia, Genlisea) oder an der Blattoberfläche (Drosera) die Jungpflanzen heran. Sobald diese ausreichend bewurzelt sind, kann man sie bei entsprechender vorsichtiger Gewöhnung wie die Altpflanzen weiter kultivieren.

Wurzelstecklinge

Verfahren, das vor allem bei Arten mit dickfleischigem Speicherwurzeln angewendet wird; dazu zählen viele Südafrikanische Drosera, Drosera binata, viele epiphytische Utricularia . Hierzu wird der Pflanze eine nicht zu kleine Wurzel entnommen, in das entsprechende Substrat gesteckt und feucht gehalten; die Wurzelstecklinge werden wie Altpflanzen behandelt. Nach wenigen Wochen, manchmal auch erst nach Monaten, erscheinen an der Oberfläche neue Pflanzen, die oft in kürzester Zeit zu Altpflanzen heranwachsen. Eine Sonderform der Vermehrung durch Wurzelstecklinge ist die sog. Rhizomteilung; manche Arten, wie alle Sarracenien, Cephalotus und die besagten Utricularia bilden einen kräftigen Wurzelstock, ein sog. Rhizom aus. Besitzt dieses mehrere Vegetationspunkte, kann man es einfach auseinander schneiden. Dazu topft man die Pflanze aus, reinigt das Rhizom vorsichtig so weit wie nötig von anhaftendem Substrat und schneidet es mit einem sauberen (desinfizierten) Messer auseinander; jedes Teilstück muss ausreichend viele Wurzeln besitzen. Die Schnittstellen können noch mit Holzkohlepulver behandelt, um Infektionen vorzubeugen, und die Teilstücke wieder eingetopft.

Stamm- und Kopfstecklinge

Dieses Verfahren kann bei einigen stammbildenden Drosera wie D. capensis und bei allen Nepenthes angewendet werden. Bei letzteren ist es die einzige vegetative Vermehrungsart außer der Meristemkultur, die angewendet werden kann. Es kann auch bei Byblis gigantea und Drosophyllum angewendet werden, aber anscheinend nur mit wechselndem Erfolg. Dazu wird der Kopf der Pflanze, kräftige Seitentriebe oder zumindest bei Nepenthes ein Stammstück abgeschnitten und in nasses Substrat gesteckt; die Schnittstelle kann zur besseren Bewurzelung noch mit einem gängigen Wurzelhormon behandelt werden. Die Stecklinge werden solange bei stark gespannter Luft gehalten, bis sie sich ausreichend bewurzelt haben; danach lassen sie sich wie Altpflanzen kultivieren. Möglicherweise müssen die Blätter eingekürzt werden, um die Verdunstung einzuschränken; dies ist aber nur bedingt nötig. Bei Nepenthes sollte man darauf achten, dass der Pflanze noch mindestens 2 gesunde Blattpaare verbleiben, da ansonsten die Mutterpflanze eingeht.

Meristemkultur

Ein vor allem in der gewerblichen Vermehrung eingesetzte In-vitro- Methode. Leider ist sie sehr aufwendig und nur bedingt im Hobbybereich einsetzbar. Hierzu werden der Pflanze bestimmte undifferenzierte Gewebeteile entnommen und in einer sterilen Nährlösung vermehrt. Durch bestimmte Phytohormone werden die so entstandenen Gewebeklumpen dazu angeregt, sich zu ganzen Pflanzen zu entwickeln. Weitere Informationen entnehme man bitte der Literatur oder entsprechenden Internetseite wie zum Beispiel http://www.orchideenvermehrung.at/. Hier wird zwar die Vermehrung von Orchideen beschrieben, das Vorgehen bei Karnivoren ist jedoch ähnlich.

Natürliche Vegetative Vermehrung

Viele Arten vermehren sich auf ganz natürliche Art und Weise vegetativ.

Teilung

Die meisten terrestrischen Utricularia, alle aquatischen Utricularia und Aldrovanda können einfach geteilt werden. Dazu trenne man einfach Teile der Pflanzen ab und kultiviere sie normal weiter. Manche mexikanische Pinguicula , teilen sich nach der Blüte in mehrere neue Pflanzen und können getrennt weiterkultiviert werden.

Bildung von Adventivpflanzen

Darlingtonia, Heliamphora und manche Pinguicula (vor allem P. primuliflora) bilden willig Adventivpflanzen, meist an den Blatträndern oder an den Vegetationspunkten. Sobald diese ausreichend bewurzelt sind, können sie abgetrennt und weiterkultiviert werden. Auch die tropischen Drosera Australiens bilden reichlich Adventivpflanzen ("Kindl").

Brutknospen, -zwiebeln und -schuppen

Manche Arten, wie die Winterharten Pinguicula, alle Knollendrosera und die Zwergdrosera bilden zu bestimmten Zeiten ihres Vegetationszyklus selbstständig Objekte zur vegetativen Vermehrung aus; diese können dann abgetrennt werden und wachsen bald zu neuen Pflanzen heran. Weiteres entnehme man bitte der Literatur bzw. den entsprechenden Taublattartikeln.

Was ist Gewebekultur?

Einige Züchter bevorzugen eine gänzlich "bodenlose" Kultur und vermehren ihre Pflanzen in sterilen Petrischalen unter Laboratoriumsbedingungen.

Die Methode ist kompliziert, gestattet jedoch die Erzeugung einer sehr großen Anzahl von Nachkommen, die genetisch identisch sind (Klone).

Vorteile der Gewebekultur: Diese ist Methode ideal, wenn es darum geht, in kurzer Zeit große Mengen neuer Pflanzen zu erhalten, so dass sich dadurch möglicherweise eine Art vor dem Aussterben bewahren ließe.

Auch genetische Besonderheiten wie Zuchtformen lassen sich auf diese Weise einfach vermehren. Daher hat diese Zuchtmethode in der "großtechnischen" Erzeugung von Orchideen wahre Triumphe gefeiert. Nur deswegen sind beispielsweise Orchideen heute so preiswert.

Auch bei fleischfressenden Pflanzen wendet man die Gewebevermehrung inzwischen in Zuchtbetrieben in großem Maße an.

Nachteile der Gewebekultur: Bei einer weiten Verbreitung derart erzeugter Pflanzen kann es dann zu Problemen bei späterer generativer Vermehrung kommen: Sie ist mit solchen Individuen bei selbststerilen Arten unmöglich.

Edited by C.Weinberger
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