Jump to content
Siggi_Hartmeyer

Drosera hartmeyerorum unter Laserbeschuss

Recommended Posts

Siggi_Hartmeyer

Während der letzten Wochen experimentierten wir mit verschiedenen Lichtquellen, um die Emergenzen von D. hartmeyerorum nochmals näher zu untersuchen. Auch neue Versuche mit einem roten Laser unter dem Mikroskop zeigen, dass die umgewandelten Tentakel ähnlich funktionieren wie ein Restlichtverstärker, vergleichbar mit den Augen von Krokodilen und Katzen, wenn diese nachts angeleuchtet werden. Die ersten Reaktionen auf den Film zeigen, dass dieses Thema von Interesse ist, aus dem Grund poste ich den Link ausnahmsweise auch hier unter "Drosera" und nicht nur als Vervollständigung des Inhalts unseres YouTube-Kanals im "Fleischigeplauder".

 

 

  • Like 3

Share this post


Link to post
Share on other sites
Siggi_Hartmeyer

Via YouTube, Facebook und E-mail erhielt ich seit gestern mehrmals die gleiche Frage: Welchen Vorteil hat die Pflanze von den Emergenzen? Die Antwort: Das einfallende Sonnenlicht ist weiß, während das reflektierte (flackernd aufgrund der Bewegung der Pflanze im Wind) leuchtend gelb ist. Das jedoch ist sehr attraktiv für Insekten, besonders vor einem kontrastreichen dunkelroten Hintergrund, der für Insektenaugen schwarz erscheint. Gelbe Klebeflächen sind sehr effektiv und werden in Gärtnereien und auf Obstbäumen oft genutzt, um fliegende Schädlinge zu fangen. Der dunkelrote Hintergrund erscheint für Insekten schwarz, da ihre Sehfähigkeit in den kurzwelligen Bereich des Spektrums verschobe ist, dafür sehen sie UV-Licht. Aufgrund dieser Fakten sind die Emergenzen, die sich aus einfachen Leimtentakeln entwickelten, perfekt gestaltet, um Beute in das klebrige Zentrum der Pflanze zu locken.

Share this post


Link to post
Share on other sites
Feldenberg

Hi Siggi,

 

danke für die interessanten Ausführungen. Bleibt evtl. noch zu ergänzen, dass man wahrscheinlich das 'Gesamtpaket' der unterschiedlichen Lockstrategien im D.indica-Komplex in seiner resultierenden Wirkung auf die Beute sehen muss - etwa die äußerst attraktiven Duftstoffe, das Tauglitzern...  einfach unwiederstehlich!! ;-)

 

(Schade dass die Pflanzen bei mir auch im Sommer mangels Licht & Temps. nichts mehr werden).

 

viele Grüße

Feldi

  • Like 2

Share this post


Link to post
Share on other sites
Siggi_Hartmeyer

Völlig richtig Feldi, genau da sind wir dran und es geht gut voran. Du weißt ja, wenn wir etwas veröffentlichen, liegt der "nächste Braten" stets bereits vorgebrutzelt in der Pfanne. Bekannte Tatsache ist, dass Irmgard und ich die Emergenzen der von uns 1995 bei Kununurra gefundenen Pflanze (live auf Video dokumentiert) nachweislich tatsächlich als erste als wissenschaftlich für die Systematik relevant zur Diskussion stellten. Mit unseren Beobachtungen wandten wir uns bereits vor über 15 Jahren an Dr. Jan Schlauer, der unserer Einschätzung als anerkannter Karnivorenexperte und Systematiker nach Inaugenscheinnahme der Pflanze voll zustimmte. Er publizierte die Art wissenschaftlich korrekt noch im gleichen Jahr (CPN) und spaltete damit 2001 die erste Art der Sektion Arachnopus (zu dem Zeitpunkt galt darin alles als D. indica) aufgrund der Emergenzen ab. Schon damals wiesen Irmgard und ich in einer weiteren Publikation auf die optischen Eigenarten der gelben Strukturen auf dem kontrastreichen dunkelroten Hintergrund hin. Auf der ICPS-Konferenz in Tokio (2002) bat uns Prof. Dr. Stephen Williams (USA), einer der Pioniere der weltweiten Droseraceae-Forschung, um Proben für eine Analyse mittels Rasterelektronenmikroskop, die wir ihm nach Präparation mit Glutaraldehyd im Gewächshaus in einer neutralen Pufferlösung an das Lebanon Valley College in Pennsylvania schickten. Seine damalige Doktorandin Regina Kettering führte die Analysen durch und fand heraus, dass die wabenförmigen Linsen aus Riesenzellen bestehen. Diese sind - etwa bei manchen Algen - oft glasklar und lichtdurchlässig, was unsere Theorie der optischen Eigenschaften der Emergenzen bestätigte.

 

Allerdings wurde die Eigenständigkeit der Art lange mit Elan bestritten. So führte Lowrie, dem der neue Name offensichtlich missfiel, auf seiner jährlich neu erscheinenden Verkaufsliste australischer Karnivoren auch nach der Publikation von D. hartmeyerorum Schlauer, von 2001 bis 2005 die Pflanze als D. aff. indica (vorher als D. indica "red, east of Kununurra), wobei aff. für eng verwandt steht, was sicher auch nicht falsch ist. Der mit ihm botanisch zusammenarbeitende, damals noch sehr junge Andreas Fleischmann, ließ in den Jahren keine GFP-JHV aus, Irmgard und mir wiederholt eifrig zu erklären, dass er in Übereinstimmung mit Lowrie die Emergenzen für nicht relevant genug hält: "Es ist keine eigenständige Art, sondern nur eine Variante des Indischen Sonnentau, eben D. aff. indica". Dabei vertrat Lowrie die Ansicht (damals in verschiedenen Karnivorenforen diskutiert), die Emergenzen hätten vermutlich den Zweck, Parasiteneier zu imitieren, um Weibchen der Art vom Eierlegen abzuhalten, wie es bei Passiflora der Fall ist. Dort findet man erhabene verfärbte Flecken auf den Blättern und tatsächlich besteht bei Passionsblumen ein solcher Zusammenhang. Ich fand die Hypothese für unseren Sonnentau schon immer abwegig, da erstens von solchen Eier legenden Parasiten bei tropischen australischen Drosera nichts, aber auch gar nichts bekannt ist und zweitens ein mottenähnlicher Parasit, wie bei Passiflora, ganz schön dämlich wäre, sich in das Zentrum einer mit klebrigen Tentakeln bestückten großen Karnivore zu begeben.

 

Egal wie. Seit wir die Relevanz der Emergenzen durch Jan Schlauer bestätigt sahen, untersuchten wir auch andere unter dem Namen D. indica firmierende Pflanzen. Dabei fanden wir diverse unterschiedliche Emergenzen, teils mikroskopisch klein, pilz- oder Y-förmig, oder auch größere rote Strukturen. Bereits 2004 publizierten wir dazu in Carniflora Australis (Journal der Australasian CPS) den Artikel "Drosera section Arachnopus under the Microscope" und erklärten, dass die sehr unterschiedlichen Pflanzen der von Südafrika über Asien bis Australien verbreiteten D. indica aufgrund ihrer Emergenzen in eigene Arten aufgeteilt werden sollten. Aber es gab auch dafür ziemlichen Gegenwind, was sich zeigte, als ich darüber auf Wikipedia mit Verweis auf unsere Publikationen mit Fotos berichtete und meine Texte sehr schnell überarbeitet und meiner Ansicht nach ziemlich verwässert wurden. So hatte ich auch erklärt, dass die Sonnentau in den "modernen Sektionen" offensichtlich den Beutefang über die Entwicklung schneller leimfreier Tentakel evolutiv optimiert haben, wofür ich die englische Bezeichnung Snap-tentacles kreierte  - und Jan Schlauer die deutsche Übersetzung Schnelltentakel formulierte, da sie einerseits schnell sind und gleichzeitig nach oben schnellen. Im Unterschied dazu hatten die Arten der Sektion Arachnopus offensichtlich den Beutefang evolutiv durch die Steigerung der Attraktivität für Beutetiere erreicht: durch unterschiedliche Emergenzen, aber völlig ohne schnelle Tentakelbewegungen. Der Gegenwind blieb ...

 

Das änderte sich alles, als 2006 auf der EEE in Leiden (NL) ein GFP-Mitglied mit den Worten auf mich zukam "Hast Du schon gesehen? Lowrie anerkennt in seiner Verkaufsliste jetzt den Namen D. hartmeyerorum und bietet gleich fünf Versionen davon als Samen an". Ich nahm das erstaunt zur Kenntnis und wendete mich weiter der Erforschung der Katapult-Leimfallen zu, die ich ebenfalls seit Anfang der 2000er für wissenschaftlich weit unterschätzt hielt. Auch hierzu teilte mir Andreas Fleischmann (pers. E-Mail-Kommunikation) mit, dass "... deine Berichte über Schnelltentakel zwar interessant, jedoch für die Systematik unbedeutend sind".

 

Mit dem Erscheinen von Lowries Magnum Opus im Sommer 2014 - die Bücher wurden zur ICPS-Konferenz in Cairns (AUS) der Öffentlichkeit vorgestellt - sahen Irmgard, Jan und ich uns dann nach 13 Jahren voll bestätigt. Lowrie hatte seine Meinung geändert und teilt seither unsere Einschätzung der Relevanz der Emergenzen. Wie von uns bereits 2004 empfohlen, hatte er die unterschiedlichen Emergenzen der australischen Arten aufgeführt, sogar einige neue Arten gefunden (sehr erfreulich !) und diese in elf verschiedene Arten aufgeteilt. Dabei greift er bei der Namensgebung in einigen Fällen auf recht alte Namen für Herbarproben zu, was ausdrücklich unsere Zustimmung findet. Diese neuen Definitionen hat er in unseren Augen sogar recht gut gemacht, auch wenn er in Magnum Opus immer noch die "Passiflora-Hypothese" vertritt und die Emergenzen von D. hartmeyerorum als "vermutlich eine Mimikri von Parasiteneiern" hält. Nu denne, jeder darf seine Meinung frei äußern. Einen Hinweis auf von ihm durchgeführte funktionsmorphologische Experimente dazu fanden wir nicht. Dass unsere lange vor dem Erscheinen von Magnum Opus veröffentlichten Publikationen zu den Emergenzen der Sektion Arachnopus in seinem Buch überhaupt nicht erwähnt werden, gehört zu den Geschichten, wie sie in der Wissenschaft - egal welcher Fakultät - wohl zum Alltag gehören. Unsere aktuellen Experimente zu den funktionsmorphologischen Eigenschaften der unterschiedlichen Emergenzen brachten jetzt wieder interessante Resultate, die Funktion als Restlichtverstärker bei D. hartmeyerorum war da nur ein erster Einblick zur Vervollständigung früherer Berichte. Die Geschichte bleibt spannend und Fortsetzung folgt, versprochen.

  • Like 1

Share this post


Link to post
Share on other sites
Thilo.K

Hallo Siggi,

 

das ist ein tolles Video und ein sehr interessanter Bericht über D. hartmeyerorum! Eure Ergebnisse zur Anlockstrategie sind sehr plausibel auch wenn für eine endgültige Bestätigung wohl detaillierte Studien am Naturstandort notwendig sind. An zahlreichen Standorten in der westlichen Kimberley-Region konnte ich im Jahr 2014 allerdings kaum einen Unterschied im Beutefang von D. hartmeyerorum und anderen Arachnopus-Arten beobachten. Diese Arten waren generell recht häufig mit Grashüpfern und Motten überzogen. 

 

Ich habe zwar keine Ahnung, was zwischen euch und Allen Lowrie so alles vorgefallen ist, allerdings vermute ich, dass es da das ein oder andere Missverständnis gegeben hat. Zunächst kann ich kaum glauben, dass Allen bis 2006 noch von nur einer Art im D. indica Komplex ausgegangen sein soll. Schließlich hatte er ja bereits in seinem "Volume 3" von 1998 darauf hingewiesen, dass es durchaus einige Varianten gibt, die einen Artstatus verdienen könnten. Vielleicht hielt er die Beschreibung von D. hartmeyerorum für voreilig, da zu dem Zeitpunkt ja weder deren natürliche Variabilität bekannt war (es gibt durchaus recht unterschiedliche Formen dieser Art), noch klar war, was genau eigentlich D. indica ist. Wahrscheinlich wusste er auch bereits von der ähnlichen D. barrettorum. Hat er vielleicht nur das schnelle Beschreiben kritisiert? Soweit ich weiß beschreibt Allen eine neue Art eben erst, wenn all diese Sachen geklärt sind und die gesamte natürliche Variabilität sowie auch das Verbreitungsgebiet der Art einigermaßen bekannt ist. Hier würde ich beispielsweise die kürzlich beschriebene D. hirsuta nennen, die ja auch schon seit etlichen Jahren als D. aff. macrantha "Northern Heathland" bekannt war, obwohl die langen Haare im oberen Bereich sie ziemlich deutlich von D. macrantha abgrenzen ;)

 

Der mit ihm botanisch zusammenarbeitende, damals noch sehr junge Andreas Fleischmann, ließ in den Jahren keine GFP-JHV aus, Irmgard und mir wiederholt eifrig zu erklären, dass er in Übereinstimmung mit Lowrie die Emergenzen für nicht relevant genug hält: "Es ist keine eigenständige Art, sondern nur eine Variante des Indischen Sonnentau, eben D. aff. indica". 

 

Das verstehe ich nicht ganz. Der Ausdruck "aff." suggeriert doch nichts anderes, als dass die Pflanzen mit den Emergenzen eben nicht identisch mit D. indica sind und dass weitere Informationen (vor allem über ihre Verbreitung und natürliche Variabilität) für die Bestimmung des taxonomischen Status dieser Pflanzen benötigt werden.

 

Diese neuen Definitionen hat er in unseren Augen sogar recht gut gemacht, auch wenn er in Magnum Opus immer noch die "Passiflora-Hypothese" vertritt und die Emergenzen von D. hartmeyerorum als "vermutlich eine Mimikri von Parasiteneiern" hält.

 

Also das ist jetzt aber ein echtes Missverständnis ;)  Im Magnum Opus steht zwar, dass er nach 1988 zunächst diese "Passiflora-Hypothese" annahm. Kurz darauf widerlegt er diese jedoch und vermutet, dass die Emergenzen Duftstoffe zur Anlockung von Insekten abgeben. Das ist wie ich finde eine durchaus plausible Möglichkeit, vielleicht sogar in Kombination mit den optischen Signalen. Allerdings ist es natürlich sehr schade, dass eure Erkenntnisse im Buch keinerlei Erwähnung finden.

 

Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt auf eure weiteren Berichte zu den Emergenzen im D. indica Komplex und natürlich auch zu den Schnelltentakeln! :)

 

Viele Grüße,

Thilo 

Edited by Thilo.K

Share this post


Link to post
Share on other sites
Siggi_Hartmeyer

das ist ein tolles Video und ein sehr interessanter Bericht über D. hartmeyerorum! Eure Ergebnisse zur Anlockstrategie sind sehr plausibel auch wenn für eine endgültige Bestätigung wohl detaillierte Studien am Naturstandort notwendig sind. An zahlreichen Standorten in der westlichen Kimberley-Region konnte ich im Jahr 2014 allerdings kaum einen Unterschied im Beutefang von D. hartmeyerorum und anderen Arachnopus-Arten beobachten. Diese Arten waren generell recht häufig mit Grashüpfern und Motten überzogen.

 

Hallo Thilo, danke für das Feedback. Natürlich haben alle Arachnopusarten spezielle Anpassungen ihrer Attraktivität entwickelt, um effektiv Beute zu machen. Vom Augenschein her am Standort zu beurteilen, welche Art am erfolgreichsten ist, dürfte tatsächlich schwierig, wenn nicht gar unmöglich sein. Unsere alten Videoaufnahmen bestätigen Deine Beobachtung der Beute, nämlich besonders wenige Millimeter kleine Baby-Grashüpfer. Die Pflanzen wachsen ja oft direkt am Rand der großen Speergraswiesen, in denen es zumindest von April bis Juni nur so von Grashüpfern wimmelt. Interessant ist dabei (nicht weitersagen, ist noch nicht publiziert ;-), dass die verschiedenen Emergenzen der Arten auch erst in verschiedenen Wachstumsstadien auftreten. Bei D. hartmeyerorum sind die Sämlinge dann gerade groß genug, um genau solche Baby-Grashüpfer festzuhalten und oft gleich mehrfach einzuwickeln. Ich ersetze die Diät im GWH durch Fruchtfliegen.

 

Ich habe zwar keine Ahnung, was zwischen euch und Allen Lowrie so alles vorgefallen ist, allerdings vermute ich, dass es da das ein oder andere Missverständnis gegeben hat. Zunächst kann ich kaum glauben, dass Allen bis 2006 noch von nur einer Art im D. indica Komplex ausgegangen sein soll. Schließlich hatte er ja bereits in seinem "Volume 3" von 1998 darauf hingewiesen, dass es durchaus einige Varianten gibt, die einen Artstatus verdienen könnten. Vielleicht hielt er die Beschreibung von D. hartmeyerorum für voreilig, da zu dem Zeitpunkt ja weder deren natürliche Variabilität bekannt war (es gibt durchaus recht unterschiedliche Formen dieser Art), noch klar war, was genau eigentlich D. indica ist. Wahrscheinlich wusste er auch bereits von der ähnlichen D. barrettorum. Hat er vielleicht nur das schnelle Beschreiben kritisiert? Soweit ich weiß beschreibt Allen eine neue Art eben erst, wenn all diese Sachen geklärt sind und die gesamte natürliche Variabilität sowie auch das Verbreitungsgebiet der Art einigermaßen bekannt ist. Hier würde ich beispielsweise die kürzlich beschriebene D. hirsuta nennen, die ja auch schon seit etlichen Jahren als D. aff. macrantha "Northern Heathland" bekannt war, obwohl die langen Haare im oberen Bereich sie ziemlich deutlich von D. macrantha abgrenzen 

 

Öffentliches Schwadronieren über das Verhältnis zwischen Allen Lowrie und den Hartmeyers, das auf einem teils krassen Pseudowissen beruht, basierend auf seit über 20 Jahren wabernden Gerüchten und Hörensagen, ist nicht hilfreich. Das betrifft ausdrücklich auch Spekulationen darüber, was Lowrie vielleicht irgendwann gewusst haben könnte. In der Wissenschaft gibt es klare Regeln: Wer zuerst korrekt publiziert, hat die Partie gewonnen. Punkt. Wer aus welchen Gründen auch immer seine tollen Ideen und Erkenntniss gar nicht oder zu spät publiziert, hat Pech. Hinterher zu lamentieren, man hätte ja alles viel besser gewusst, aber dann kam ein anderer „böser Autor“ zuvor, ist schlichtweg schlechter Stil. Die ausgesprochene Komplexität der unter dem Namen D. indica firmierenden Pflanzen war auch vor über 20 Jahren sehr wohl bekannt. Sowohl Lowrie, als auch mir. Statt Gerüchte zu verbreiten hier mal einige Fakten:

 

Ich war mit Lowrie seit 1988 in Briefkontakt. Seit 1990 haben Irmgard und ich mehr als sechs Monate in Australien damit verbracht, mit einer Kameraausrüstung Neues über Karnivoren zu filmen. Die Exkursionen mit Geländewagen, Kleinflugzeugen und Hubschrauber haben uns inklusive der Bezahlung von Allen und seiner Frau Pauline etwa DM 70‘000 gekostet. Wir filmten mit beiden in der Region um Perth und Albany, im Stirling Range sowie im tropischen Norden zwischen Broome, Derby und Beverley Springs. Mit den kontinuierlich aktualisierten Videoausrüstungen, allein die Umstellung auf ein digitales Schnittsystem 1999 kostete DM 12‘000, haben wir also rund DM 100‘000 in die Australienabenteuer investiert. Die erfolgreichen auf Video dokumentierten Resultate waren:

 

1. Die Entdeckung eines Sonnentau mit gelben Tentakeln 1995. Der Begriff Emergenzen wurde erstmals 2001 von Jan Schlauer bei der Publikation von D. hartmeyerorum (CPN) verwendet. Das war uns eine große Ehre, mit der wir bei der Entdeckung nicht ansatzweise gerechnet hatten.

 

2. Die erste Dokumentation der Symbiose (oder auch Mutualismus) von Blindwanzen auf Karnivoren im tropischen Australien (Bulletin der ACPS,1996): Bybliphilus auf Byblis filifolia (damals B. liniflora „Kununurra), sowie Cyrtopeltis auf Drosera ordensis (damals D. petiloaris „Kununurra“) und auf Drosera finlaysoniana und D. serpens (damals beide D. indica „Darwin“).

 

3. Die Beschreibung der Katapultfunktion von D. glanduligera mit ersten konkreten Geschwindigkeitsmessungen 2005 (Das Taublatt) und nach weiteren Experimenten in Zusammenarbeit mit der Plant Biomechanics Group der Universität Freiburg die Publikation einer Katapult-Leimfalle mit Einmalfunktion 2012 (Plos One).

 

4. Die Beschreibung von mehrfach funktionierenden Katapult-Leimfallen in Sektion Bryastrum (Zwergdrosera) mit Experimenten, deren Resultate erstmals einen Hinweis auf eine mögliche Evolution von Aldrovanda enthalten 2015 (CPN).

 

Die ersten drei Punkte wurden alle bereits im deutschen Fernsehen vorgestellt. Zuletzt die Katapult-Leimfalle als neuer Fallentyp durch den Wissenschaftsjournalisten Volker Arzt (2014, ARD). Diese wurde beispielsweise ebenfalls zitiert in SCIENCE, National Geographic und wurde Video der Woche bei Bild der Wissenschaft.  In Anbetracht des finanziellen und zeitlichen Aufwands für unsere Arbeit ist es sicher kein Missverständnis und deutlich mehr als ein Bubenstreich, wenn diese durch Trickserei oder Auslassungen von wem auch immer vereinnahmt und unsere offiziellen Publikationen trotz eindeutigen Zitierens einfach unterschlagen werden. In Bezug auf die akribische und zumeist wirklich ausgezeichnete Arbeit sowie der fulminanten Bedeutung von Magnum Opus für viele Wissenschaftler, sind solche Spielchen eigentlich unverständlich und fehl am Platz.

 

Zu den Emergenzen gibt es übrigens bereits seit 1993 eine Untersuchung von R. Seine & W. Barthlott mit ersten REM-Aufnahmen verschiedener Trichome auf australischen Drosera. Darunter die Y-Emergenzen von D. serpens, rudimentäre Schnelltentakelrelikte in Sektion Ergaleium und das als „Tentacle with raised head“ beschriebene Katapult von D. glanduligera. Alles jedoch rein dokumentierend und ohne Hinweis auf Funktion, Geschwindigkeit oder eventuelle Auswirkungen auf die Systematik der Gattung. Das kam nachweislich erst von den Hartmeyers. Ich bin durchaus etwas stolz, dass Prof. Dr. Barthlott, der Entdecker des Lotuseffekts, zur EEE in Bonn 2006 an unseren Stand kam, um persönlich unsere DVD „Drosera: Schnelltentakel und Landescheinwerfer“ für die Universität Bonn entgegenzunehmen.

 

Wir durchstreiften mit den Lowries einige Gebiete mit (damals) D. indica und fachsimpelten tagelang über die Pflanzen. Von etwaigen Emergenzen an den Arachnopus wurde nie etwas erwähnt. Wenn mehr als ein Jahrzehnt nach der Publikation von D. hartmeyerorum in seinem Buch behauptet wird, er kannte die Emergenzen und ihre Relevanz für die Systematik bereits seit 1988, muss man sich schon ernsthaft fragen, warum er davon 26 Jahre lang nichts verlauten ließ. Publiziert hat er in dem Zeitraum jede Menge. Die Behauptung, Lowrie habe mit der Publikation nur warten wollen, bis alle Emergenzen vollständig gefunden sind, aber Jan Schlauer kam ihm unerwartet zuvor, ist als nachgereichte Rechtfertigung schon ziemlich peinlich - wenn man die Fakten kennt. Man soll/darf eine Pflanzengruppe also erst dann publizieren, wenn alle Arten der Sektion bekannt sind? Also davon höre ich gerade in Bezug auf Lowrie erstmals. Besonders sollte er dann nicht schon alle Samen/Pflanzenteile der von ihm für zukünftige Neubeschreibungen geplanten Arten Jahre vorher über seine Verkaufsliste in alle Welt verhökern. D. hartmeyerorum  gibt es nachweislich in Privatkultur in Amerika  (Ivan Snyder) und Europa bereits seit Mitte der 1990er, sogar in Deutschland (Christian Klein, Dr. Eberhard König und andere). Schlussendlich hatte er - abgesehen vom Typus D. indica im Herbarium - nur australische Pflanzen ins Visier genommen. Dadurch war er gar nicht in der Lage die Sektion zu vervollständigen. Er ist verständlicherweise verschnupft, dass meine Idee, die Komplexität der Sektion durch Bezug auf die Emergenzen zu entknoten, zuerst publiziert wurde. Niemand will bestreiten, dass er die Pflanzen auf seinen Touren bereits gesehen und sich Gedanken gemacht hatte. Das taten andere Fachleute wie etwa Seine & Barthlott auch. Nach 26 Jahren darf man mit gutem Gewissen sagen, die Sache war ihm offensichtlich nicht wichtig genug für eine schnelle Bearbeitung.

 

Das verstehe ich nicht ganz. Der Ausdruck "aff." suggeriert doch nichts anderes, als dass die Pflanzen mit den Emergenzen eben nicht identisch mit D. indica sind und dass weitere Informationen (vor allem über ihre Verbreitung und natürliche Variabilität) für die Bestimmung des taxonomischen Status dieser Pflanzen benötigt werden.

 

Das ist ganz einfach erklärt. Damit brachte er etwa fünf Jahre lang auf seiner weltweit verbreiteten Verkaufsliste zum Ausdruck, dass er mit der Artbeschreibung von D. hartmeyerorum nicht einverstanden ist, sondern weitere Daten benötigen würde. Eine D. aff. indica muss keine eigenständige Art sein, sondern könnte sich später auch lediglich als Varietät oder Subspezies herausstellen - und dann wieder umbenannt werden. Aber dafür war Jan Schlauers Arbeit wirklich zu gründlich und korrekt.

 

Also das ist jetzt aber ein echtes Missverständnis   Im Magnum Opus steht zwar, dass er nach 1988 zunächst diese "Passiflora-Hypothese" annahm. Kurz darauf widerlegt er diese jedoch und vermutet, dass die Emergenzen Duftstoffe zur Anlockung von Insekten abgeben. Das ist wie ich finde eine durchaus plausible Möglichkeit, vielleicht sogar in Kombination mit den optischen Signalen. Allerdings ist es natürlich sehr schade, dass eure Erkenntnisse im Buch keinerlei Erwähnung finden.

 

Hier hast Du recht, Asche auf mein Haupt. Ich kannte seine Hypothese seit etwa 2002 und habe wohl daher beim Lesen unbewusst Passiflora-Mimikri plus Duft gelesen. Es gab dazu keinerlei offizielle Publikation von Lowrie, allerdings bekam ich nach der Beschreibung unseres Sonnentaus eine ganze Reihe E-Mails und wurde in Internetforen von seinen Fans „aufgeklärt“, dass meine Theorie der optischen Attraktion nicht stimme, weil es sich stattdessen um eine Art Passiflora-Mimikri handele. Das hat mich weder beeindruckt noch auch nur im Ansatz verunsichert. Das Video „Laser fire on D. hartmeyerorum“ zeigt ja recht anschaulich, was Sache ist.

 

Aha, Allen Lowrie hat seine alte Einschätzung also tatsächlich zurückgezogen. OK, gut so. Aber wenn der angeblich jetzt postulierte Duft, den ich selbst nach dem Beschuppern von eher Hunderten als nur Dutzenden Pflanzen niemals feststellen konnte, nun sein einziges Argument ist, bekommt die Sache ein Geschmäckle. Meine Experimente und Publikationen zu den Emergenzen waren ihm wohlbekannt. Es hätte sich unter den Umständen gehört, diese offensichtlich korrekten Beobachtungen zumindest in Magnum Opus zu erwähnen. Stattdessen behauptet er, die Insekten würden nicht durch Lichtreflektion, sondern stattdessen durch Geruch angelockt. Ohne jegliche eigene Experimente, wie etwa ein recht einfaches GC-MS der Pflanzenausdünstung gemacht zu haben. Er tauscht im größten und derzeit wohl auch wichtigsten Buch über australische Karnivoren die Begriffe vom bereits publizierten Optischen ins rein spekulative Olfaktorische. Warum kann ich mir denken, dann braucht er die Hartmeyers weder zitieren noch im Literaturverzeichnis erwähnen, in dem wir tatsächlich gar nicht auftauchen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Es gibt gleich mehrere Stellen, wo er unsere Publikationen fast wörtlich zitiert, aber auf den dann notwendigen Eintrag ins Literaturverzeichnis verzichtet. Stellen, bei denen Stewart McPherson etwa in „Glistening Carnivores“ oder „Carnivorous Plants and their Habitats“ Jahre vorher bereits völlig korrekt mit Literaturnachweis zitiert hatte.

 

Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt auf eure weiteren Berichte zu den Emergenzen im D. indica Komplex und natürlich auch zu den Schnelltentakeln!

 

Noch eine Anmerkung zu Deinem Anfangstext Thilo: Über die Behauptung, D. barretorum sei D. hartmeyerorum äußerst ähnlich, wundere ich mich etwas. Eine Übereinstimmung besteht zwar in der Farbe von Pflanze und Emergenzen. Wenn mir aber jemand weiss machen will, dass ein gelber Kartoffelchip am Stiel große Ähnlichkeit mit einem Kelch gelber Glasmurmeln hat, frage ich mich, was der wohl genommen hat J. Ich verspreche, es bleibt interessant! Nochmals danke für das Feedback und herzliche Grüße.

  • Like 1

Share this post


Link to post
Share on other sites
Thilo.K

Hallo Siggi,

 

vielen Dank für diese ausführlichen Erläuterungen. Das ist wirklich sehr interessant zu lesen! Ich habe mich halt nur etwas gewundert, warum ihr beide euch so sehr in die Haare gekommen seid, obwohl ihr doch eigentlich das gleiche wollt  ;)

 

Über die Behauptung, D. barretorum sei D. hartmeyerorum äußerst ähnlich, wundere ich mich etwas. Eine Übereinstimmung besteht zwar in der Farbe von Pflanze und Emergenzen. Wenn mir aber jemand weiss machen will, dass ein gelber Kartoffelchip am Stiel große Ähnlichkeit mit einem Kelch gelber Glasmurmeln hat, frage ich mich, was der wohl genommen hat

 

Naja, die Pflanzen bestehen ja nicht nur aus den Emergenzen. Sie sind zwar nicht äußerst ähnlich, aber D. barrettorum scheint doch die (nach derzeitigem Wissensstand) nächste Verwandte von D. hartmeyerorum zu sein. Bis auf die Emergenzen, die Form der Antheren und den Haaren an der Achse sind sie sich doch ziemlich ähnlich. Das sind zwar systematisch sehr wichtige Merkmale, allerdings muss man doch sehr genau hinschauen, um sie zu sehen.  Gerade die Emergenzen und Haare sind am Standort aufgrund der kompakten Wuchsform meist erst aus nächster Nähe zu erkennen.

 

Eine genauere Untersuchung der Emergenzen von D. barrettorum würde sicherlich ebenfalls zu spannenden Ergebnissen führen. Aber ich nehme mal an, dass du da bereits dran bist  ;)

 

Viele Grüße,

Thilo

Edited by Thilo.K

Share this post


Link to post
Share on other sites
Siggi_Hartmeyer
Zitat

Ich habe mich halt nur etwas gewundert, warum ihr beide euch so sehr in die Haare gekommen seid, obwohl ihr doch eigentlich das gleiche wollt.

 

Warum wir uns mitunter in die Haare geraten, liegt auch an solchen Beispielen, deren durchaus lustigen Hintergrund ich auf Wunsch gern ausführlicher erläutern kann: 1996 hatte ich direkt in Allens „Hauspostille“, dem Bulletin der australischen Karnivorengesellschaft ACPS, unsere Entdeckung der Wanzen auf B. filifolia, D. ordensis und zwei D. indica Formen (heute D. serpens & D. aquatica) im tropischen Norden geschildert. Dabei hatte ich darauf hingewiesen, dass die von Allen für die mutualistischen Blindwanzen benutzte Bezeichnung „Assassin bugs“ bereits für die Raubwanze Coranus supabterus belegt ist und daher nicht für die Miriden verwendet werden sollte. Wörtlich (Link anklicken für ganzen Artikel):

 

The comprehensive term “Assassin bugs"- up to now current - should however not be used since this name is already given to the bug Coranus subapterus.

Hartmeyer S. (1996). Insectivorous Plants and Entomology. ACPS Bulletin, Volume 15.

 

In Magnum Opus liest sich das so, natürlich ohne Literaturverweis:

According to entomologists, the common name ‘assassin bug’ is a misnomer, as it is already in use for another group of insects and should not be used for Setocoris. These fascinating, previously little-studied insects therefore require a new common name. In my view, ‘sundew bug’ is probably the most appropriate name for Setocoris.

 

Lowrie A. (2014). Carnivorous Plants of Australia Magnum Opus, Volume One, p. 80.

 

Es gibt weitere Stellen in Magnum Opus, wo Lowrie deutlich erkennbar aus unseren offiziell publizierten Arbeiten zitiert und dabei augenscheinlich ganz bewusst den zwingenden Literaturverweis unterschlägt. Das ist illegal und wird auch nicht dadurch besser, dass er es in Anbetracht der Bedeutung seines fulminanten Werks überhaupt nicht nötig hätte ...

 

Anmerkung: Die Entdeckung des Mutualismus im tropischen Norden Australiens wurde übrigens bei der GFP im Taublatt (Heft 25 – 1995/1 – 12. Jahrgang) mit Screenshots aus dem Video erstmals überhaupt veröffentlicht. Da dies in Australien schon wegen der Sprache wohl kaum gelesen wird, hatte ich mich entschlossen, Allen eine erweiterte Version direkt in seinem Hausblatt nochmals vor Augen zu führen.

 

Wer des Englischen weniger mächtig ist, findet eine deutsche Übersetzung unseres obigen Artikels im Bulletin der ACPS in Das Taublatt Heft 27 - 1996/1 - 13. Jahrgang. Dieser steht ab sofort als PDF "Insektivoren und Entomologie (= Insektenkunde)" zum freien Download (Autoren Copyright) zur Verfügung.

 

Zudem wurden wir von Prof. Dr. Katsuhiko Kondo (Universtät Hiroshima) u.a. mit diesem Thema zu einem Vortrag anlässlich der 4th International Carnivorous Plant Conference Tokyo 2002 eingeladen. Unser dortiger Vortrag vor hochrangigen Wissenschaftlern "Observations on three Australian Drosera species of Sects. Arachnopus, Lamprolepis and Prolifera (Droseraceae), using digital video as medium." findet sich in den Proceedings der Konferenz (ISBN 4-9901285-7-5) mit klarer Nennung des neu entdeckten Mutualismus und fand 2002 großen Anklang. Zusätzlich sind sowohl die Proceedings (Abstract unseres Vortrags) der Konferenz in Tokio, als auch das PDF unseres Taublattartikels (Heft 27) auf ResearchGate für interessierte Wissenschaftler jederzeit abrufbar.

Edited by Siggi_Hartmeyer

Share this post


Link to post
Share on other sites
Siggi_Hartmeyer

An dieser Stelle ist hinzuzufügen, dass der Beitrag oben seit heute auch als Film auf YouTube zu sehen ist. Er ist in deutscher Sprache mit englischen Untertiteln. Irmgard und ich wünschen gute Unterhaltung bei

Symbiosen von Raubwanzen mit Karnivoren im tropischen Australien

 

 

  • Like 1

Share this post


Link to post
Share on other sites

Join the conversation

You can post now and register later. If you have an account, sign in now to post with your account.

Guest
Reply to this topic...

×   Pasted as rich text.   Restore formatting

  Only 75 emoji are allowed.

×   Your link has been automatically embedded.   Display as a link instead

×   Your previous content has been restored.   Clear editor

×   You cannot paste images directly. Upload or insert images from URL.


×
×
  • Create New...

Important Information

We have placed cookies on your device to help make this website better. You can adjust your cookie settings, otherwise we'll assume you're okay to continue. Further information can be found in our Privacy Policy.