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Christian Voss

Sarracenia aus Samen

Empfohlene Beiträge

Christian Voss

Hallo zusammen,

 

Sarracenia aus Samen zu ziehen erfordert viel Durchhaltevermögen. Bis wirklich deutlich wird, was aus dem Samen nun für eine Pflanze wird, können locker vier eher mehr Jahre vergehen.

Dazu gilt das "Seedgrowing" von Sarracenien bis auf wenige Ausnahmen als brotlose Kunst, denn wo Ableger von bestimmten selektierten Klonen, ordentlich durchnummeriert, für hohe zwei- bis zu dreistellige Beträge gehandelt werden, kriegt man für 'ne aus Samen gezogene Pflanze meist gerade mal 'nen Appel und 'n Ei. Dazu bekommt man noch Kommentare zu hören wie "das ist ja nicht das Original"...

 

Warum mir das Heranziehen von Sarracenia aus Samen trotzdem so viel Spaß macht, möchte ich hier - unterstützt von ein paar Bildern - gerne darlegen (und hoffe insgeheim, ein paar von euch auf die "dunkle Seite" der Sarracenia-Kultur einladen zu können 😁).

 

Das Ganze beginnt bei mir mit der Ernte der Freilandsamen im Herbst, eher Winter. Wo die Bienchen da im Sommer kreuz und quer geflogen sind, bleibt erstmal völlig schleierhaft. Im kommenden Herbst stratifizier' ich dann die Samen im Kühlschrank, säe unter Kunstlicht aus und kultiviere die Sämlinge einen Winter durch. Die Töpfe mit den Sämlingen kommen im folgenden Frühjahr in's Gewächshaus, wo sie meist zwei Jahre stehenbleiben und nicht allzuviel an Größe zulegen. Wenn die Pflanzen dann zwei Winter überstanden haben und ich genug Zeit und Platz erübrigen kann, werden die Töpfe auseinandergenommen und jede Pflanze bekommt ihren eigenen. Wieder ein Jahr später, im dritten oder vierten Frühjahr, beginnen die meisten der Kleinen, ordentlich an Größe zuzulegen und im Sommer kann ich dann zum ersten Mal wirklich absehen, was mal aus dem Samen wird.

 

Insbesondere wird in dem Moment augenscheinlich, ob es sich bei der Pflanze um eine Variation der Mutterpflanze (selbstbestäubt) oder um einen Hybriden (fremdbestäubt) handelt.

Im Fall von Sämlingen, die aus Hybriden-Samen entstanden sind, bleibtallerdings auch das im Dunkeln, denn hier sind auch die Varianten so verschieden, dass es nicht mehr eindeutig zu sagen ist, ob da ein Bienchen "fremdgeflogen" ist.

 

Ein paar jüngere Pflanzen hab' ich  bereits in einem ältere Beitrag gezeigt; heute hab' ich mir mal einige der nahezu ausgewachsenen Exemplare vorgenommen.

 

Da ist zunächst eine flava mit der Standortbezeichnung {Shalotte}, was sich, wie ich herausgefunden habe in North Carolina befindet. Ziemlich deutlich wird hier, bei einer Pflanze von jetzt gut drei Jahren, dass hier wohl eine zweite Art beteiligt war. Der deutlich nach hinten gebogenen, große, gewellte Deckel passt einfach nicht zu S. flava, macht sich aber zusammen mit der kräftigen Äderung sehr gut und ich bin gespannt, wie groß die Schläuche, insbesondere die Schlauchöffnungen noch werden.

 

S_flava_flava_Shalotte.jpg

 

S_flava_flava_Shalotte_I.jpg

 

Ein Hybrid, der nicht von mir stammt, den ich vor vielen Jahren mal als kleine, einjährige Sämlinge von Christian Dietz bekommen habe, ist die folgende Pflanze.

Mit ihren großen dunkelroten Schlauchöffnungen und den gewellten Deckeln, eine wunderbare Kreuzung.

Einen weiteren Klon der Kreuzung habe ich auch ein paar Bilder weiter unten noch abgelichtet.

 

S_LyndaButt_flava_rubricorpora.jpg

 

S_LyndaButt_flava_rubricorpora_I.jpg

 

Die Bezeichnung des Samenpäckchens der folgenden Pflanze lautete "S. alata mix" und war eine Gratis-Beigabe zu einer Samenbestellung aus dem Jahr 2012.

Dass es sich dabei nicht ansatzweise um S. alata handelt ist offensichtlich und auch aus den anderen Samen des Päckchens sind diverse Arten, u.a. auch S. minor gekeimt.

Sie gehört zu denen, denen ich trotz begrenzten Platzverhältnissen mal einen großen Topf spendiert habe, was ihr augenscheinlich gut gefällt.

 

S_flava.jpg

 

S_flava_I.jpg

 

Weiter geht's mit einem wunderschönen Exemplar, das aus den Samen meiner S. 'Judith Hindle' entstanden ist. Hier tippe ich am ehesten auf eine Variation der der Mutterpflanze ohne Fremdbestäubung. Fast schwarze Adern, ein tiefroter Schlund und ein mit Farbpigmenten gesprenkeltes Äußeres der Schläuche charakterisieren diese Pflanze.

Ein größerer Topf und/oder eine Teilung der Pflanze wäre hier wohl mal von Nöten.

 

S_JudithHindle.jpg

 

S_JudithHindle_I.jpg

 

Das hier ist ein zweiter Klon der oben gezeigten Kreuzung, der nicht ganz so dunkel wird wie die andere Pflanze. Dazu kommt eine deutlich sichtbare Äderung innen wie außen.

 

S_LyndaButt_flava_rubricorpora_II.jpg

 

S_LyndaButt_flava_rubricorpora_III.jpg

 

Dass das hier mit einer S. flava var. rugellii nicht mehr allzuviel zu tun hat wurde schon recht schnell deutlich, führte aber dazu, dass ich jetzt eine Pflanze mit gut 8cm Schlauchöffnung besitze.

Was genau dazu beigetragen hat, kann ich nur tippen und würde irgendwo in die purpurea-Ecke gehen. Gut möglich wäre aber auch ein weiterer Hybrid, wie z.B. S. x catesbaei oder S. x rehderii.

Besonders schön finde ich, wie sich die großen Deckel über die Schlauchöffnung  senken und wie trotzdem noch die flava var. rugellii in Form des Schlundflecks zu erahnen ist.

 

S_flava_rugellii_Sumatra.jpg

 

S_flava_rugellii_Sumatra_I.jpg

 

S_flava_rugellii_Sumatra_II.jpg

 

Die folgenden zwei Pflanzen stammen aus ein- und derselben Samenkapsel... kaum zu glauben, aber wahr. Wo die rechte noch an die Mutterpflanze erinnert, ist bei der linken offensichtlich Genmaterial aus der purpurea-Ecke dazugekommen. Bin gespannt, wohin sich die zwei noch entwickeln.

Ups, und da fällt mir gerade auf, dass ich das "F2" bei der Bildbeschriftung vergessen habe. Es handelt sich also um Samen des Hybriden, nicht um die Original-Kreuzung selbst.

 

S_moorei_oreophila.jpg

 

S_moorei_oreophila_I.jpg

 

S_moorei_oreophila_II.jpg

 

Und direkt noch ein Beispiel, wie unterschiedlich sich zwei Pflanzen aus der selben Samenkapsel eines Hybriden entwickeln können. Auch bei der linken Pflanze tippe ich auf purpurea-Beteiligung; bei der rechten dagegen fällt besonders ein Elternteil der Mutterpflanze, die leucophylla auf. Die etwas skurile Schlauchform erinnert an S. minor oder S. psittacina... Wer weiß, woher das Bienchen (oder die Hummel) kam!?

 

S_leucophylla_rubra_EC.jpg

 

S_leucophylla_rubra_EC_I.jpg

 

S_leucophylla_rubra_EC_II.jpg

 

Eine meiner Lieblingspflanzen, die der Mutter sehr nahe kommt, ist diese 'Brooks Hybrid'. Dabei handelt es sich um eine Kreuzung aus S. leucophylla und S. flava var. rugellii.

Auch bei der F2-Form kommen die beiden augenscheinlichsten Merkmale deutlich durch, der nahezu weiße Deckel auf der einen und der rote Schlundfleck auf der anderen Seite.

Schon im Alter von knapp fünf Jahren hat die Pflanze eine Höhe von knapp 60cm und liegt damit nur noch 30cm hinter der Mutterpflanze.

 

S_BrooksHybrid.jpg

 

S_BrooksHybrid_I.jpg

 

S_BrooksHybrid_II.jpg

 

Ein paar hab' ich noch, muss aber hier mal abbrechen und auf morgen verweisen, sonst komm' ich morgen früh nicht aus'm Bett. 😴

 

Bis dahin viel Spaß mit den Bildern und viele Grüße,

Christian

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Ralf Mößle

Also, die letzten 2 Pflänzchen gefallen mir besonders gut.

Ein interessantes Thema, "wertlose" Sarracenia abzulichten.

 

Viele Grüße Ralf 

 

 

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Julius B.

Lieber Christian, 

zunächst erst mal ein gigantisches Kompliment für deine Sarracenia! Vielen Dank dafür, dass du uns daran teilhaben lässt!

Wie lange es dauert, Sarracenia vom Samen aus zu ziehen, weiß ich auch aus Erfahrung. Meine Pflanzen sind nur in Menge und Größe zwar nicht im Ansatz mit deinen zu vergleichen, dennoch habe ich viel Freude damit und will weitermachen mit der Aufzucht von Samen. Dein Beitrag spornt an! 😄😍

(Meine brauchen noch etwas - siehe Fotos)

 

Mit herzlichen Grüßen und Vorfreude auf weitere Fotos

Julius 🙂 

 

IMG_0292.thumb.JPG.3037c8e94affa25d1f90a6baf6ca231c.JPG

 

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Christian Voss

Hallo zusammen und hallo Ralf,

 

zunächst mal ein großes Danke! an all' die Herzchen-Verteiler. So vollkommen uninteressant scheinen die Sarracenia-Überraschungstüten ja doch nicht zu sein.

Und ja, Ralf, "wertlos" trifft das Ganze schon recht gut... zumindest so lange man sich auf den rein monetären Aspekt bezieht.

Meine - ich nenn' sie mal "emotionale" - Beziehung zu jedem einzelnen dieser Klone dagegen ist deutlich ausgeprägter als die zu jeder gekauften Pflanze. Ich tu mich deutlich schwerer damit, die abzugeben als das bei gekauften Pflanzen der Fall ist. 😉

Danke auch Julius für den Beitrag. Ich denke, in der kommenden Saison werden die auch zeigen, was sie können...

 

Dann will ich mal noch die Pflanzen bzw. Fotos nachschieben, die's gestern Abend aus Müdigkeitsgründen nicht mehr geschafft haben.

 

Da wäre z.B. diese rubra, die aus Samen einer komplett grünen Pflanze, einer sogenannten 'heterophylla'-Form gezogen worden ist.

Die rein grüne Färbung hat sie beibehalten und bekommt trotz vollsonnigem Standort auch nicht die geringste "Sommerbräune" ab; allerdings hat sie sich eine feine dunkle Äderung zugelegt, die die Kannenöffnungen sehr filligran wirken lässt.

 

S_rubra_jonesii_heterophylla.jpg

 

S_rubra_jonesii_heterophylla_I.jpg

 

S_rubra_jonesii_heterophylla_II.jpg

 

Manchmal passiert's dann auch, dass tatsächlich genau das Erwartete eintritt und aus den Samen einer flava var. cuprea auch wieder eine flava mit schönen dunklen Deckeln entsteht.

Ist aber erfahrungsgemäß wirklich die Ausnahme. Gerade bei den verschiedenen flava-Varianten kommt immer wieder was anderes raus, als das, was zu erwarten wäre.

So hab' ich bei Samen von maximas schon rugelliis rausbekommen und anders herum bei rugellii-Samen schon ornatas entstehen sehen.

 

S_flava_cuprea_MKF90.jpg

 

S_flava_cuprea_MKF90_I.jpg

 

Und als letzte hab' ich noch einen selbstbestäubten Hybriden, der seiner Mutter sehr ähnelt, diese aber bereits nach gut fünf Jahren an Größe deutlich übertrifft.

Besonders auffällig ist hier die kräftige Äderung, die nahezu den gesamten Schlauch überzieht und die großen gewölbten Deckel, die an S. oreophila erinnern.

Tatsächlich handelt es sich bei der Mutterpflanze aber um die Kreuzung [(alata x leucophylla) x flava], so dass ich nicht ausschließen will, dass hier eine weitere Klammer und ein "x oreophila" dazugekommen sein könnte.

 

S_Mercury.jpg

 

S_Mercury_I.jpg

 

Das wären dann erstmal alle Pflanzen, die ich gestern aus den Dickichten meiner Gewächshäuser herausgezerrt habe. Von jeder der gezeigten stehen aber meist noch einige ähnliche oder auch gänzlich andere Exemplare daneben, so dass ich das hier auch noch deutlich verlängern könnte.

Will ich aber nicht, denn ich denke, dass deutlich wird, was ich ausdrücken wollte:

 

So schön auch die ein- oder anderen "Bezahl-Klon" sind (irgendwoher müssen ja auch die Samen ursprünglich mal kommen), für mich sind sie keinesfalls "höherwertig". Schlicht und einfach: Geschmackssache.

 

Ach, und wo ich das Dickicht gerade erwähnt habe, hier mal der Blickauf die linke Seite meines mittleren Gewächshauses. Die momentane Farbenpracht macht einfach bei jedem Gang in den Garten Freude:

 

GWH.jpg

 

Viele Grüße, schönen Abend,

Christian

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Kai Becker

Hallo Christian,

sehr schöne Pflanzen. Verpass deinen Pflanzen einfach nen ungewöhnlichen Namen und registriere die als Kultivar dann kannst du gleich ne Null mehr ans Verkaufsschild hängen, steht nur Sarracenia Hybrid drauf kommt das erfahrungsgemäß meist einer Abwertung der Pflanze gleich so blöd das auch ist. Selber bin ich ein großer Fan von gezielten Kreuzungen wobei die richtig geilen Sachen meist erst in der F2 Generation raus kommen. Flavas selbsten bringt auch immer wider überraschende Resultate wie ich dieses Jahr wider bei einer var. atropurpurea festgestellt habe, da ist von hellgrünen (fast weißen) Pflanzen bis hin zu rot geaderten oder komplett roten alles dabei. Mach weiter so und viel spaß beim selektieren.

MFG

  Kai

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