Hannah Posted May 19, 2025 Posted May 19, 2025 Moin zusammen, aus gegebenem Anlass würde ich hier einmal gerne anstoßen, dass wir zusammentragen, wie man Poacher erkennt, die versuchen, sich den Anschein der Respektabilität zu geben. Ich denke, jeder der hier im Forum aktiv ist oder ein bisschen mitliest, ist mit der Problematik vertraut, aber ich habe jetzt mehrfach mitbekommen, dass Leute gewilderte oder wild entnommene Pflanzen von bekannten Poachern gekauft haben und sich dabei nicht bewusst waren, dass es sich hierbei um WIldentnahmen bzw. Poacher handelte. Daher würde ich gerne hier einmal ein paar potentielle red flags sammeln, sozusagen als Checklist für Leute, die sich mit der Thematik noch weniger beschäftigt haben. Ich fange einfach mal an & würde mich freuen, wenn ihr noch weitere Punkte oder Erfahrungen ergänzen würdet! Zensiert hierbei bitte die Namen und/oder Kontaktdaten der Poacher, damit wir hier nicht versehentlich eine Kontaktliste für etwaige skrupellose Mitleser zusammentragen. Ist die Art geschützt oder selten? Ist das Habitat in dem sie vokommt klein und/der besonders empfindlich oder bedroht? Wächst die Art langsam oder ist die Vermehrung eingeschränkt (e.g. Keimung ist nur unter bestimmten, selten auftretenden Bedingungen erfolgreich, Pflanzen blühen selten, es gibt andere Ausbreitungslimitierungen wie anthropogene Einflüsse oder Habitatfragmentierung etc.)? Rechtlich ist zwar nicht jede Wildentnahme auch Poaching, aber moralisch ist der Unterschied deutlich geringer.*1 Beachten sollte man dabei: 1. Ist die Art nicht geschützt, weil ihre Bestände groß & stabil sind und ihr Habitattyp ubiquitär ist? Oder ist sie nur deshalb nicht geschützt, weil sie zu obskur oder neu beschrieben/unbeschrieben ist und ihre Gattung nicht pauschal unter Schutz steht? (Siehe die Mehrzahl der Ameisenpflanzen) 2. Wie sieht es mit dem Habitat der Art aus? Ist das Habitat störungsanfällig und erholt sich von Eingriffen nur langsam? (e.g. Moorstandorte, Hochlandstandorte besonders nahe und oberhalb der Baumgrenze). Zu beachten ist dabei auch, dass Wildentnahmen nur selten vorsichtig und mit Rücksicht auf die umliegende Vegetation oder Bodenhabitate geschehen. (e.g. Löcher im Moor an Sarracenia Standorten, Trittschaden, Nepenthes Altpflanzen, die für ihre schwer erreichbaren Blütenstände einfach unten abgeschnitten wurden, ab- und ausgerissene Nepenthes, Lecanopteris, Hydnophytum etc.) Versteckt der Verkäufer sich hinter dem phytosanitären Zertifikat als offizielle Dokumentation und der Falschannahme vieler, dass Wildentnahmen es niemals offen durch den Zoll schaffen würden? Bietet der Verkäufer vermehrt Altpflanzen/große Exemplare an? Zeigt er Bilder seiner Jungpflanzen, seiner Gewächshäuser etc? Zeigt der Verkäufer hauptsächlich Bilder von verpackten oder ungetopften Pflanzen oder teilt ausschließlich Bilder oder Geschichten von "zufriedenen Kunden" aber nicht von getopften Pflanzen in Anzuchtsettings? Besonders bei Saatgut: Zeigt der Verkäufer Bilder der Mutterpflanze? Oder sind geteilte Bilder entweder generische Platzhalter aus dem Web oder Bilder von Pflanzen in-situ? Vorsichtig aufmerken sollte man auch bei artreinen Samen oder Jungpflanzen von Arten, von denen bisher keine hortikulturellen Vermehrungserfolge bekannt sind. Ganz wichtig ist auch der Zustand der beworbenen Pflanze. Hat die Pflanze wenige oder beschädigte Wurzeln? Hat sie Fraßspuren oder Schäden an den Blättern? Hat sie für eine Pflanze ihrer Größe verdächtig wenige Blätter? Bei Epiphyten: sieht man noch die Krümmung des Baumes in der Wuchsform der Pflanze? Hängen artfremde Blätter im Wurzelbereich? Ebenso wichtig ist der Kontext der bewerbenden Fotos. Immer nur bereits verpackte Pflanzen sind ein schlechtes Zeichen, genauso wie Hintergründe die eindeutlich keine Gewächshäuser oder angebrachte Anzuchtsetups zeigen sondern eg. auf der Straße/dem Boden oder an jemandes Küchentisch gemacht wurden. Über Bilder von frisch gerodeten Pflanzen auf der Straße, ganzen abgeschnittenen Blütenständen, Stecklingen und Sämlingen auf einem Haufen auf einer Plane brauchen wir hoffentlich gar nicht erst reden. Ein nicht hinreichendes aber doch verdächtiges Kriterium ist auch, wenn ein Verkäufer nicht nur mit einigen wenigen Taxa handelt, sondern eine weite Bandbreite an regional heimischen Gattungen abdeckt. Bestechung ist auch immer noch ein Problem in der gesamten Kette. Wenn alle anderen Zeichen fishy aussehen, die Pflanzen zum Beispiel klare Fraßspuren oder Blattschäden haben und der Verkäufer keine Bilder der Mutterpflanzen und der Anzucht zeigt, aber Exportpapiere der lokalen Behörden vorzeigen kann, dann ist da höchstwahrscheinlich was faul. (Genau der Fall ist leider auch nicht hypothetisch. Der Weiterverkäufer hier in DE hat die Pflanzen dann auf Kleinanzeigen angeboten, also ist auch hier Vorsicht geboten.) Wichtig ist auch immer, die Community nach Erfahrungen mit Verkäufer xy zu fragen. Verlassen sollte man sich dabei explizit nicht auf Namen, die der Verkäufer selbst als "zufriedenen Kunden aus deinem Land" benennen kann, sondern auf Leute, die man entweder selbst kennt, oder die im Forum oder im Verein aktiv und bekannt sind. Die aktuelle Masche einiger Poacher kleidet das ganze mit öffentlichen Posts auf Instagram et al. über den Versandprozess und das phytosanitäre Zeugnis und erfolgreiche Sendungen in eine Fassade der Normalität. Berichtet wird hierbei in der Regel über nicht geschützte Pflanzen, aber die gleichen Personen verkaufen auch gewilderte geschützte Pflanzen. Auch die nicht geschützen Pflanzen sind natürlich gewildert, das wird aber nicht an die große Glocke gehängt. Auf Nachfrage teilen diese Personen in der Regel gerne die Namen vorheriger Käufer aus dem gleichen Land, bei denen "alles gut gegangen ist und die zufrieden waren". Damit so offen umzugehen erweckt natürlich den Anschein, dass das alles above board & sauber war. Deshalb ist es so wichtig, nicht-genannte/uninvolvierte Personen nach ihrer Erfahrung mit Verkäufern zu fragen. Ich denke die meisten von uns haben selbst oder in verschiedenen Chats & Servern blacklists mit Verkäufern, die wegen gewilderter Pflanzen aufgefallen sind oder selbst kommerziell Wildern lassen und helfen da gerne. Aufpassen sollte man auch bei bestimmter Terminologie. Bei Arten die erfolgreich klonal vermehrt werden ist es z.B. Nachfragen wert, wenn der Verkäufer aus dem Verbreitungsgebiet der Art oder ein Reseller hier bei uns Pflanzen als SG/seedgrown/ISC/samengezogen oder als [Artname] [Standortangabe] anbietet, ohne dass nachvollziehbar ist, über wen die Pflanze in Kultur gekommen ist oder wer die Samen produziert oder (kommerziell) ausgesäht hat. (Die Grauzone der kommerziellen in-Kulturbringung brauchen wir hier nicht anzuschneiden, die ist hier thematisch nicht relevant) Abschließend ist noch zu erwähnen, dass natürlich auch bei der technisch legalen Wildentnahme besonders außerhalb Europas die Versandwege lang und die Wartezeiten beim Zoll noch länger sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass entnommene Pflanzen den doppelten Stress der Entnahme mit Wurzelschaden etc. und des langen Versands gut überstehen ist leider nicht groß. Selbst unter idealen Haltungsbedingungen hat man schnell große Ausfallraten. Die gewilderten oder wild entnommenen Pflanzen sterben dann oft auf dem Versandweg oder nach wenigen Wochen. So oder so ist die Entnahme besonders bei kleineren Populationen oft ein unwiderruflicher genetischer Verlust. *1 Wichtig ist hierbei auch, dass sich natürlich wenige Poacher auf nur eine Art oder Gattung beschränken, die meisten wildern was auch immer Geld bringt. Die technisch gesehen legale beauftragte Wildentnahme unterstützt also aller Wahrscheinlichkeit nach finanziell die Wilderei geschützter Taxa und erweitert die Plattform und die Fassade der Legitimität des Verkäufers/Vermittlers. 4 14
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